
Die Finanz- und die damit verbundene Wirtschaftskrise zeigt auch deutliche Spuren in der russischen Luftfahrt.
Unabhängig von den unterschiedlichen Prognosen der Wirtschaftswissenschaftler oder Airline-Chefs, die zwischen 10% und 30% Passagierrückgang schwanken, sind die Aussichten trübe.
Noch 2007 war die Welt in Ordnung. Das Passagieraufkommen stieg um 18,6%, das größte Wachstum der letzten 10 Jahre. Am stärksten profitierten die Chartercarrier. Im Jahr 2007 waren das 45,1 Mio. Passagiere.
Jetzt sieht es deutlich schlechter aus. Während insgesamt noch das Passagieraufkommen bis November um 13,8% wuchs, war das den guten Monaten bis zum Mia (20-24%) zu danken. Seither verlangsamte sich das Wachstum und ging schon um Oktober auf Null zurück. November und Dzember werden schlechter als im Vorjahr sein.
Lösungen werden im Lohnbereich, bei der Ausdünnung des Netzes in Frequenz und Zielen (einige Airlines) und der Umstellung auf günstiges Fluggerät (adieu Iljuschin und Tupolew) gesehen. Aeroflot hat z.B. den ersten A330-200 in Empfang genommen und wird die Machinen auf den Asien- und Fernostrouten einsetzen.
Durch die Reiseveranstalter werden die Plätze auch nicht wie im Vorjahr gefüllt. Die Nachfrage nach Reisen ist um 15-25% gesunken. Silvesterreisen wurden 30-40% weniger verkauft.
Eine weitere Entwicklung ist ähnlich der internationalen Tendenz – die Konsolidierung. Mehrere der kleineren ehemaligen Babyflots sind inzwischen aus dem Markt ausgeschieden. Nun geht es um die grösseren Anbieter. Und diese Konsolidierung erfolgt a la Russe.
Zur Unterstützung der einheimischen Luftfahrtgesellschaften in den Zeiten der Krise werden durch die Regierung über die Gosbank 30 Mrd. Rubel bereitgestellt. Über die Verwendung entscheidet erstmal formal das Transportministerium unter Minister Levitin, der gleichzeitig Vorsitzender des Direktorenrates der Aeroflot ist.

Nun ist der Kampf um die zweitgrößte russische Fluggesellschaft Sibir und deren Chartertochter Globus entbrannt. Beide Gesellschaften gehören mehrheitlich der Familie Filev und deren S7-Gruppe. Der russische Staat hält ein Kontrollpaket von 25,5%. S7 ist Kooperationspartner von Air Berlin im russischen Markt.
Globus und Sibir sind durch die hohen Kerosinpreise und den Einbruch der Nachfrage in Schwierigkeiten geraten. Die Verbindlichkeiten sollen gegenüber den Flughäfen 2,16 Mrd. Rubel betragen und insgesamt eine Kreditbelastung von 11,5 oder 17 Mrd. Rubel (unterschiedliche Angaben in der Presse) bestehen. Daraufhin beantragte Sibir / Globus Staatshilfe in Höhe von 3,8 Mrd. Rubel, die laut Aussage Filevs vom Minister verweigert wurde, wenn man nicht zur Fusion mit Aeroflot bereit sei. Nun jagt ein Gerücht das nächste. Erst erklärt man, daß Globus an die Eastline-Gruppe verkauft sei, die u.a. den Flughafen Domodedowo, den Heimatflughafen von Globus und Sibir, betreibt und damit die Schulden am Flughafen beglichen wurden (nur an diesem). Dann wird der Unternehmer Lebedev (siehe Oeger-Deal) als Käufer für das 25,5% Paket angesprochen. Lebedev hatte schon an die Regierung (Vizepremier Shuvalov) geschrieben und vorschlug, daß die ihm ein Paket von 14-15% der Aeroflot-Aktien für ca. 450 Mio. USD abkaufen sollen, womit er dann die 25,5% der Sibir-Anteile bezahlen wolle. Damit wäre eine durch Lebedev kontrollierte Airlinegruppe aus Sibir, Red Wings, Blue Wings und der Flugzeugleasinggesellschaft Alpstream entstanden. Als “Zückerli” sellte Lebedev große Bestellungen der neu entwickelten russischen Passagierjets Tu-204 und RRJ in Aussicht.
Vorige Woche kam dann das Aus für diesen Deal. Filev suchte selbst den direkten Kontakt zu Vizepremier Shuvalov, mit dem er sich getroffen haben soll, um die Entscheidung des Transportministers über die Nichterteilung von Staatshilfe zum Umgehen und damit selbst überlebensfähig zu bleiben.
Gestern (22.12.08) erklärte Aeroflot, daß man die Finanzsituation bei Sibir analysiert habe und dort “nichts sei, mit dem sich vereinen könne”.
Dafür kam durch Aeroflot die Information, daß man von Roman Abramowitsch (Chelsea-Eigner) 49% der ihm gehörenden 99% MALEV-Anteile kaufen will. Abramowitschs Aviaholding AiRUnion war im August Pleite gegangen. Die Gespräche werden auf Regierungsebene geführt. Bemerkenswert ist, daß die Aktien sowieso schon an den Finanzier des damaligen Deals, die Vneshekonombank, als Sicherheit verpfändet sind.
Was aus Sibir, Globus oder Abramowitschs Airlineinvestments wird ist momentan noch völlig offen. Eines jedoch wird deutlich – durch die derzeitige Krise wird der russische Staat (und das ist kein neutrales Subjekt, sondern die Widerspiegelung persönlicher und Gruppeninteressen) zum Hauptakteur in der russischen Wirtschaft. Nach dieser Krise werden viele der jetzigen “Oligarchen” von der Bildfläche verschwunden und durch Personen und Strukturen des derzeitigen Staatsapparates ersetzt worden sein.
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