Reiseveranstalter a la russe

Kreml and Basils Cathedral

Foto by kyrandesa (Creativ commons 2.0)

Russland ist mal wieder in aller Munde. Leider nicht im positiven Sinn.

Die Ereignisse der letzten Zeit zeigen jedoch eines ziemlich deutlich – die Formen der politischen Machtausübung und des eigenen internationalen Selbstverständnisses stoßen in weiten Teilen der politischen Klasse und durch die entsprechende Berichterstattung auch bei der Masse unserer Bürger auf Widerstand und Unverständnis.

Kein Wunder, dass dann Aktivitäten russischer Unternehmer im deutschen Markt argwöhnisch beobachtet werden und völlig anderen Maßstäben unterworfen sind, als gleiche oder umfassendere Aktivitäten westeuropäischer oder amerikanischer Investoren.

Und ganz schlimm wird es natürlich (publizistisch), wenn es um des Deutschen liebstes Kind, den Urlaub, geht. In meinem Beitrag „Russisch Brot für Öger“ ging es um den speziellen Fall der Beteiligung des russischen Investors (Oligarchen) Lebedew an Öger Tours GmbH. Ich versprach damals, etwas mehr zum Umfeld der russischen Tourismuspolitik zu schreiben.

Sicher kann man unterstellen, das alles etwas konstruiert klingt, aber es ist wohl besser anzunehmen, dass beschriebene Mechanismen in Russland so wirken und man entsprechend sein eigenes wirtschaftliches Handeln einrichten sollte.

Mit der Entstehung eines Tourismusmarktes in den frühen Neunziger Jahren war ein immenses wirtschaftliches, finanzielles und personelles Engagement insbesondere türkischer Unternehmer im russischen Markt zu verzeichnen (und nicht nur im Tourismus, auch im Bau u.a.). Die Türkei schuf ideale Voraussetzungen für Einreisen russischer Bürger (Visafreiheit) und förderte damit die eigene Tourismusindustrie und andere damit verbundene Industriezweige der Konsumgüterindustrie. Die Türkei wurde zum Reiseziel Nr. 1 der Russen.

Der russische Reiseveranstaltermarkt wurde von türkischfinanzierten oder türkeibasierten Veranstaltern dominiert. Erst mit der Zeit entstanden rein russische Reiseveranstalter entsprechender Größe. Intourist, als ehemaliger Staatsmonopolist, war nach dem Umbruch, wie überall, erst mal für sein Vorleben von den Kunden abgestraft worden. Mit der Entwicklung unter Putin veränderte sich auch die Sicht der russischen Veranstalter und auch der zuständigen Wirtschaftspolitiker auf diesen Umstand deutlich.

In diesem Sommer erreichten diese Entwicklungen nun eine neue Qualität.

Ereignis 1:

Am 30.06.2008 stellt einer der großen russischen Reiseveranstalter „DETUR“ über Nacht (besser übers Wochenende) seine Geschäftstätigkeit ein und ist bankrott. Auslöser der Pleite ist der Bankrott der österreichisch-türkischen Mutterfirma „VASCO“.

570 russische Touristen sind zu diesem Zeitpunkt mit einem Voucher von DETUR in der Türkei. Teilweise werden sie von den Hoteliers unter Druck gesetzt ihre Zimmer nochmals zu bezahlen oder aus dem Hotel geschmissen zu werden. Ein Teil der Touristen sind nicht einmal im Besitz von Rückflugtickets. Durch Anstrengungen des russischen Konsulats und der russischen Veranstaltergemeinde gelingt es Schlimmstes zu verhindern und alle DETUR-Touristen aus der Türkei auszufliegen. Ähnliches hat der deutsche Markt ja auch erleben müssen.

Hunderte gebuchter Reisen werden nicht angetreten werden können usw. Das kennen wir ja auch von entsprechenden Ereignissen in Deutschland.

Schaden: Voraussichtlich 18 Mio. Rubel. Durch die Insolvenzausfallversicherung sind in Russland jedoch generell nur maximal 10 Mio. Rubel pro Schadensfall abgesichert.

Schon in diesem Zusammenhang ruft der Präsident der ATOR (Assoziation der Tour Operator Russlands) die Kunden dazu auf „rein russische Gesellschaften“ zu bevorzugen.

ATOR ist die Interessenvertretung der großen russischen Reiseveranstalter.

Ereignis 2:

Am 20. und 21.07.2008 versucht der russische Reiseveranstalter „Akso-Intur“ im Auftrag der Regierung Moskaus (Moskau als Stadt hat eine eigene Regierung, wie Berlin) 120 Kinder in die Türkei zum Urlaub zu schicken. Es geht schief, was auch nur schief gehen kann. Dem ersten Flieger, einer Boeing der Charterfluggesellschaft „Globus“ wird in Antalya die Landung verweigert. Grund bisher unklar. Zurück nach Moskau und Umstieg in eine TU-154. Nach glücklicher Landung im zweiten Anlauf weigert sich das Vertragshotel „Monaco Beach Hotel“ die Kinder aufzunehmen, da:

- Akso-Intur sein Bettenkontingent schon überzogen habe

- Akso-Intur noch 12.000 USD Schaden zu bezahlen habe, den eine vorher im Hotel untergebrachte Kindergruppe am Swimmingpool verursacht haben soll.

Der Bus bleibt unter Polizeibewachung auf der Straße zum Hotel mehrere Stunden stehen.

Die Kinder wurden dann auf verschiedene Hotels verteilt. Um die Situation zu klären schaltete sich der russische Generalkonsul ein.

Am 26.07. 2008 war das „Problem“ dann auf der höchsten Ebene angekommen. Ministerpräsident Putin griff zum Telefonhörer und sprach mit Ministerpräsident Erdogan über die Kindergruppe. Erdogan versprach alles in seinen Kräften stehende zu tun die Situation zu klären und entsandte ein Mitglied der Regierung zur Klärung nach Antalya.

Ereignis 3:

Am gleichen Tag, den 26.07.08, „erteilt Ministerpräsident Putin dem Minister für Sport, Tourismus und Jugendpolitik, Vitali Mutko, den Auftrag“ „die Kontrolle der Tätigkeit der russischen Reiseveranstalter zu verstärken“ „mit dem Ziel der Erhöhung der Zuverlässigkeit ihrer Arbeit und der Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber den Touristen in vollem Umfang“.

(Dieser Satz ist wörtlich übernommen, bürokratische Floskeln weggelassen.)

Wer intensiv Kreuzworträtsel löst, weiß, wie man so was nennt – „Ukas“.

Seit diesem Tag rotieren die russischen Tourismuspolitiker und Verbandsoberen.

Am 04.08.08 wird in Umsetzung des Putin-Auftrages im Ministerium ein „Department zur Gestaltung der staatlichen Politik und Organisation des Tourismus“ geschaffen, welches ganz offensichtlich das ehemalige Rostourism ersetzen soll.

Der ehemalige Rostourism-Chef Vladimir Strshalkovskij (auch ein ehemaliger KGB-Offizier) hatte sich schon zu Nornickel in die freie Wirtschaft abgesetzt.

Neue Leiterin des Departments ist Nadeshda Nasina, die ehemalige Stellvertretende Leiterin der Bundesagentur für Tourismus seit Januar 2005. N. wurde am 28.12.1955 geboren und hat einen Hochschulabschluss in Fischwirtschaft. Sie arbeitete sich von der Pike auf im Handel, dann im Verbraucherschutz nach oben. Bei Rostourism war sie insbesondere an den Gesetzesänderungen zu den Grundlagen touristischer Tätigkeit und der damit verbundenen Insolvenzabsicherung für Reiseveranstalter beteiligt.

Ereignis 4:

Das sind dann auch die Maßnahmen, die der neuen staatlichen Stelle und den touristischen Fachorganisationen zur Erfüllung des Putin-Auftrages in den Sinn kommen:

  1. Erhöhung der Garantiesummen für die Insolvenzabsicherung

Dabei gibt es zwei unterschiedliche Standpunkte. ATOR, als Interessenvertreter der Großveranstalter möchte eine generelle und undifferenzierte Erhöhung der Summe. Der Effekt wäre nach Fachmeinung das Ausscheiden weiterer kleiner und mittlerer wirtschaftlich stabiler, aber nicht finanziell ausreichend dafür ausgestatteter, Reiseveranstalter (Spezialisten, Nischenveranstalter). Diese würden in die Schattenwirtschaft gedrängt.

Eine Differenzierung der Versicherungssumme nach Umsatz, Paxen und anderen bewertbaren Risiken, wie wir es ähnlich bei uns kennen. Diese Lösung wird auch von der Versicherungswirtschaft bevorzugt, die befürchtet zu viele Kunden bei der großen Lösung zu verlieren.

  1. Reiseveranstalter-Register

Einer der ersten Vorschläge Nasinas war die Verschärfung der Bedingungen für die Aufnahme in das Reiseveranstalter-Register. Neben der finanziellen Frage soll auch eine entsprechende Qualifikation nachgewiesen werden (nichts Genaues bekannt).

Die Streichung aus dem Register soll durch Gerichtsbeschluss möglich sein. Bisher war es faktisch unmöglich einen Reiseveranstalter vor der Pleite zu streichen.

Die Tätigkeit als Reiseveranstalter ohne Eintragung ins Veranstalterregister soll strafrechtlich belangt werden.

Hier hat der Herr Minister noch mal einen Extrabuckel vor seinem Dienstherrn gemacht: Reiseveranstalter für Kinder können nur besonders zuverlässige Reiseveranstalter nach einer gesonderten Regelung und Prüfung werden.

Bis Ende September wollen das Ministerium und die touristischen Fachverbände Putin Vollzug melden und die entsprechenden Gesetze und Richtlinien zum Beschluss vorlegen. Der Gesetzgebungsprozess könnte dann Ende dieses Jahres oder Anfang 2009 erfolgen.

Unter diesem Blickwinkel ist es mehr als logisch, das sich die Russen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, einschlägige Interessen haben oder entwickeln können und für die Entwicklung ihres Geschäfts auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Kreml angewiesen sind, sich entsprechend engagieren. Da machen Investitionen in eine solche türkische Firma (und Öger ist erst mal türkisch und dann irgendwie auch deutsch) und in einen politisch so einflussreichen Mann, wie Vural Öger, sehr viel Sinn.

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