Protokoll Zukunft – Wachstumsmärkte

Protokoll Zukunft Screenshot

Auf seiner Website Protokoll Zukunft hat Dr. rer. pol. Armin Ziegler (XING) einen Artikel von Nunes und Spelman (“The Tourism Time Bomb”) aus der Harvard Business Review vom April 2008 aufgegriffen und die daraus abgeleiteten Thesen veröffentlicht. Als auslösendes Moment dieser Zeitbombe wird der “Ansturm der neuen Mittelschichten” aus den BRIC-Staaten und anderen aufstrebenden Ländern gesehen.

Mit Sicherheit kommt dieser “Ansturm”, die Entwicklung des Wohlstands in einer Vielzahl von Ländern ist gewollt und nicht aufzuhalten. Ob das jedoch zu all diesen folgenden Auswirkungen führt halte ich zumindestens für diskutabel.

Zehn aus dem Aufsatz abgeleitete Thesen:
1. Bisherige Standorte können auf die steigende Nachfrage nur ungenügend reagieren.
2. Die Preise konventioneller Touristikorte eskalieren.
3. Es wird zu Wartelisten bei Touristik-Angeboten kommen.
4. Ein grauer Touristikmarkt entwickelt sich.
5. Die Grundstückpreise in den alten Touristikorten werden absehbar unerschwinglich.
6. Regierungen und Touristikinstitutionen versuchen, die Touristik-Ströme durch Auflagen und Zugangsbeschränkungen zu lenken.
7. Neue Touristik-Zielorte werden geschaffen, vor allem auch in Ostasien, den Pazifikanliegern, im Mittleren Osten, Südasien und Afrika. (China baut schon jetzt z.B. die Insel Hainan im Stile Hawaiis aus.)
8. Alte Sehenswürdigkeiten – wie Eifelturm und die Kanäle Venedigs – werden an neuen Standorten repliziert.
9. Bekannte Museen erhalten Niederlassungen in anderen Ländern.
10. Die Zahl und Art der Erlebnisparks steigt stark an.

Die Punkte 7 bis 10 sind schon in voller Umsetzung. So funktionierte die Tourismuswirtschaft schon seit Jahrzehnten, nur daß Museen eigene Dependancen schaffen ist neu. Es wird aber nicht bei Museen bleiben. Einmalige Kulturträger wie Orchester, Theater u.a. werden ebenso eigene Niederlassungen in anderen Regionen der Welt schaffen. Die Wiener Philharmoniker sind unterwegs nach Dubai, Schindhelm ist auch nicht völlig umsonst von der Regierung Dubais ausgewählt worden.

Zu 1) Ungenügende Reaktion ist ein sehr subjektiver Begriff, der wissenschaftlich für eine Prognose nicht anwendbar ist. Was ist der Maßstab für genügend ? Sicher kann zeitweise die Nachfrage das Angebot an touristischen Leistungen übersteigen. Aber es gibt Möglichkeiten regulierend zu wirken, sowohl seitens der Wirtschaft, als auch seitens des Staates.

zu 2) Was heißt eskalieren ? In Indien steigen die Hotelpreise wegen der derzeitigen Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage jährlich um mindestens 40%. Ein Ende ist für die nächsten jahre nicht abzusehen. Aber auch dort wird es irgendwann in naher Zukunft ein Gleichgewicht geben mit dann wieder sinkenden Hotelpreisen. Orte werden in der Gunst der Touristen steigen und fallen, neue Reiseziele konkurrieren mit den alten. Sicher ist jeder froh einen USP zu haben, der die Menschen magnetisch anzieht, aber es sind so verschiedene Magnete für so verschiedene Menschen…

zu 3) Wartelisten gibt es ja an bestimmten Events (Ausstellungen) oder Highlights (Alhambra) faktisch schon jetzt. Zu bestimmten Naturreisen wird in Zukunft alleine schon aus Schutzgründen der Zugang limitiert sein und damit auch der Verkauf kontingentiert. Ob das der jeweilige Veranstalter über Wartelisten lösen wird ? Vielleicht doch über eine ebay-Versteigerung oder andere ertragsmaximierende Maßnahmen ?

zu 4) Grauer Touristikmarkt – glaube ich nicht. Der Touristikmarkt ist so bunt, da ist grau entweder schon drin oder passt erst gar nicht rein. Ein Grauer Markt entsteht, wenn für knappe Waren die Preise oder der Vertrieb reguliert sind. Das ist in der Touristik in der absoluten Masse nicht der Fall.

zu 5) Unerschwinglich ? Für wen ? Mit unerschwinglichen Preisen verkauft man nichts mehr, dann gehen die wieder runter. Wo steht geschrieben, daß es an jedem Ort der Welt in jeder Lage auch billige Grundstücke geben muß. Gab es am Starnberger See schon seit Ewigkeiten nicht mehr.

zu 6) Bestimmt werden Politiker auf solche Ideen kommen. Es gibt gute Gründe Beschränkungen einzuführen – Bewahrung der Natur, des Kulturerbes, Umweltschutz, Verfügbarkeit bestimmter Ressourcen. Das passiert aber auch heute schon. Und die großen Lenkungsmaßnahmen laufen besser über Marketing und PR.

Ich persönlich sehe eher das die Entwicklung der Reisekosten zum wichtigsten Regulativ werden wird. Der Zeitpunkt ist nicht mehr so fern, daß in den Preis von Transport und Aufenthalt die realen Umweltkosten einfliessen. Und wenn uns bis dahin nichts Schlaues eingefallen ist, dann wird das richtig teuer !

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